Filmofen

Die Tribute von Panem: Catching Fire (The Hunger Games: Catching Fire) (2013)

28.11.2013

Inhalt:

Nachdem Katniss und Peeta die Hungerspiele überlebt haben ist für die beiden nichts mehr so wie früher. Sie leben nun zusammen mit Haymitch im Siegerdorf und erhalten vom Capitol alles was das Herz begehrt, das ärmliche Leben am Hungertuch ist Geschichte. Allerdings müssen die beiden auf der Siegertour durch die 12 Distrikte ihre Romanze für die Kameras aufrecht erhalten oder zumindest den Anschein. Denn auch in Panem stehen die Zeichen auf Umbruch. Viele sehen Katniss’ und Peetas gemeinsamen Beinahe-Selbstmord am Ende der 74. Hungerspiele nicht als eine Verzweiflungstat aus Liebe, sondern einen Akt des Wiederstandes gegen das Capitol. Präsident Snow fürchtet eine offene Rebellion und arbeitet mit seinem neuen Spielmacher Plutarch Heavensbee an ganz besonderen Spielen für das 75. Jubiläum der Hungerspiele, um die Hoffnungsträger des Volkes zu vernichten und die Macht des Capitols wieder zu festigen.

Review:

Als im letzten Jahr der erste Teil der “Tribute von Panem”-Trilogie von Suzanne Collins in die Kinos kam, war der Aufschrei groß: Kinder, die sich gegenseitig in einer Arena umbringen bis nur noch ein einsamer Sieger übrig bleibt, darf so etwas für Jugendliche ins Kino gebracht werden? Darf so etwas überhaupt Unterhaltung sein? Der Erfolg scheint für sich zu sprechen. Der erste Film spielte weltweit knapp $700 Millionen ein, die Fortsetzung spülte bereits am ersten Wochenende rund $300 Millionen in die Kassen und dürfte den ersten Teil um einiges übertreffen. Aber auch die Kritiken zu beiden Teilen sind überwiegend positiv bis hin zu euphorisch.

Autorin Suzanne Collins musste schon vorher noch ganz andere Vorwürfe über sich ergehen lassen: Ihr Werk sei nur ein Abklatsch von “Battle Royale”, den sie zu einem Jugendbuch verwurstet hätte. “Battle Royale” ist ein japanischer Roman von Koshun Takami, in dem jedes Jahr eine Schulklasse auf einer Insel ausgesetzt wird und sich innerhalb von 3 Tagen gegenseitig umbringen muss, bis es nur noch einen Überlebenden gibt. Die Verfilmung von Kinji Fukasaku aus dem Jahr 2000 genießt längst Kult-Status, ist aber aufgrund seiner immensen Brutalität in Deutschland indiziert. Die Parallelen zwischen den beiden Werken sind unbestreitbar vorhanden und den ersten Teil der “Tribute von Panem” könnte man beinahe als Plagiat bezeichnen, doch spätestens mit Teil 2 der Saga sind derlei Vorwürfe nicht mehr haltbar. Auch in “Battle Royale” steckt eine Menge Sozialkritik, doch muss sie zwischen den Zeilen herausgelesen werden, die “Tribute von Panem”-Trilogie hingegen behandelt ihre sozialen und politischen Aspekte ganz offen und ab dem zweiten Teil ziemlich zentral während die Spiele an sich eher eine untergeordnete Rolle einnehmen. Das sieht man schon alleine daran, wie lange es im Film dauert, bis sich die Handlung überhaupt in die Arena verlagert, etwa zwei Drittel des Filmes sind dann bereits vorüber. Collins’ Bücher zeigten eindrucksvoll, dass das Young-Adult-Genre mehr bieten kann als weichgespülte Teenie-Romanzen und sich durchaus mit ernsten Themen befassen kann. Der Film überträgt dies nahezu perfekt auf die große Leinwand.

Natürlich darf ein bisschen Emotion nicht fehlen und die Dreiecksbeziehung zwischen Katniss, Peeta und Gale ist im Film noch etwas ausgebaut worden. Doch nimmt sie eine angenehm untergeordnete Rolle ein, neigt nur in wenigen Momenten etwas zum Kitsch und erreicht nie auch nur ansatzweise Twilight-artige Proportionen. Wenn überhaupt, dann sind es die Jungs, die hier Trübsal blasen, da beide glauben, die gespielte Romanze in der Arena würde wirklich etwas bedeuten. Katniss hingegen hat ganz andere Sorgen. Die Bevölkerung stilisiert sie und ihren Spotttölpel zum großen Hoffnungsträger und Symbol des Widerstands gegen das Capitol hoch, was sie gar nicht sein will, während Präsident Snow ihr genau deswegen damit droht, ihr Leben und das aller, die ihr lieb sind zu beenden oder zumindest zur Hölle zu machen. Jennifer Lawrence brilliert (wenig überraschend) in ihrer facettenreichen Rolle und stellt mit ihrer immensen Leinwandpräsenz alle anderen in den Schatten. Katniss Everdeen ist die wohl stärkste und vielschichtigste Kinoheldin der jüngeren Vergangenheit und sollte auf dem besten Weg sein, eine ähnlich ikonische Fgur zu werden wie Ellen Ripley aus der “Alien”-Reihe.

Am ehesten kann Lawrence Stanley Tucci das Wasser reichen, der noch überzogener als in Teil 1 und angsteinflößend mit diabolisch-falscher Freundlichkeit die an eine Casting-Show erinnernde Vorstellung der Todeskandidaten moderiert. Elizabeth Banks schafft es, Effie Trinkett unter all den prunkvollen, überzogenen Kostümen echte Menschlichkeit zu verleihen, Josh Hutchersons Peeta entwickelt sich endlich zu etwas mehr als einem weinerlichen Schwächling und darf seine rhetorischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, Philip Seymour Hoffmann ist eine herausragende Wahl für den undurchsichtigen Spielemacher Plutarch Heavensbee und auch die Neuzugänge Jena Malone als ganz offen stinksaure Johanna und Sam Claflin als unwiderstehlich charmanter und doch tödlicher Finnick gefallen. Donald Sutherland muss nicht viel tun, um sich als durch und durch bösartiger Machthaber zu etablieren. Einzig Gale, gespielt von Liam Hemsworth ist weiterhin eine extrem blasse Figur und ist vor allem damit beschäftigt, Katniss anzuschmachten, auch wenn er immerhin einen heroischen Moment bekommt. Auch Woddy Harrelsons Haymitch zeigt sich im Vergleich zum ersten Teil kaum verändert und seine im Buch vorhandene Hintergrundgeschichte wurde im Film leider gestrichen.

Regisseur Francis Lawrence, der den Posten von Gary Ross übernommen hat und auch das zweiteilige Finale inszenieren wird, und seine beiden mit dem Oscar ausgezeichneten Drehbuchautoren Simon Beaufoy und Michael Arndt (hier unter dem Pseudonym Michael deBruyn) lassen sich viel Zeit, die verschiedenen Handlungsstränge und Aspekte zu entwickeln. Es gelingt ihnen hervorragend, die Missstände im totalitären Staate Panem aufzuzeigen und gleichermaßen die Notwendigkeit und wie auch die Entwicklung der aufkeimenden Revolution überzeugend darzustellen, ebenso auch Katniss’ Weg zu der Erkenntnis, dass die Wahl zwischen zwei Verehrern nicht ihre primäre Sorge sein sollte, sondern sie zu Größerem berufen ist, ob sie nun will oder nicht. Einzelne Momente scheinen in unglaublich starken Bildern aus dem Geschehen heraus. Bereits der Besuch in Distrikt 11 auf der Siegertour zu Beginn des Filmes beispielsweise bringt alle Emotionen des tragischen Todes von Rue aus dem ersten Teil wieder zurück und treibt dem Zuschauer die Tränen in die Augen. Auch (oscarverdächtige) Kostüme, Maske und Ausstattung tragen maßgeblich dazu bei, den krassen Kontrast zwischen dem im Überfluss lebenden Capitol und den gerade so überlebenden armen Distrikten zu illustrieren. Während die einen im farblosen Distrikt 12 in der Kohlemiene arbeiten und froh sind, etwas Wasser und Brot zu haben, kippen sich die schillernden Gestalten des Capitols Erbrechungsmittel rein, damit sie weiter fressen können.

Wer sich Sorgen macht, die Spiele im letzten Drittel des Filmes wären nur eine Wiederholung des ersten Teils, kann entspannt aufatmen. Oder eigentlich gerade nicht. Es sind wahrlich ganz andere Spiele, die die vorhergegangenen fast zu einfach aussehen lassen. Dieses Mal ist die Arena etwas ganz besonderes und fast schon eine größere Bedrohung als die Profilkiller, die in ihr den Wettstreit austragen. Ausgeklügelte Fallen sorgen dafür, dass das Geschehen interessant und unberechenbar bleibt. Besonders auch deswegen undurchschaubar, da dieses Mal ein deutlicher Fokus auf Strategie und Allianzen im Gegensatz zum simplen jeder-gegen-jeden Abschlachten liegt und die Figuren nicht alle das sind, was sie scheinen. Francis Lawrence verzichtet glücklicherweise auf die wackelnde Handkamera, die sein Vorgänger zum Einsatz brachte und bietet ein weitaus cineastischeres Erlebnis. Das im Vergleich zum Vorgänger um $50 Millionen höhere Budget hilft dem Film natürlich insgesamt, ein ganzes Stück besser auszusehen und vor allem der Einmarsch der Tribute ist deutlich ansprechender als die (zumindest effekttechnische) Lachnummer im ersten Teil.

Der Film endet in einem etwas abrupten Cliffhanger, der aber gleichermaßen perfekt gesetzt, inszeniert und gespielt ist. “Die Tribute von Panem: Catching Fire” bietet 146 min spannende Unterhaltung und hält sich weitgehend sehr nah an die Romanvorlage. Er übertrifft seinen Vorgänger auf ganzer Linie und legt ein festes Fundament für den finalen Zweiteiler, der, wenn er die Qualität dieses Blockbusters aufrecht erhalten kann, etwas ganz großes werden wird und gar nicht früh genug kommen kann.

9/10