Filmofen

Je m'appelle Hmmm... (2013)

07.09.2013

Inhalt:

Die 11-Jährige Céline (Lou-Lélia Demerliac) ist ein Mädchen aus schwierigen Familienverhältnissen. Ihre Mutter (Sylvie Testud) arbeitet viel und bis spät abends, ihr Vater (Jacques Bonnaffé) sitzt indes tatenlos zuhause. Als Älteste unter den Geschwistern übernimmt Céline daheim instinktiv die Rolle ihrer Mutter, auch für ihren Vater, der sich regelmäßig an ihr vergeht. Auf einem Schulausflug ergreift sie die Chance, ihrem bisherigen Leben zu entfliehen indem sie sich in der Fahrerkabine eines LKWs versteckt. Mit dessen Fahr Peter (Douglas Gordon) entwickelt sie schon bald eine enge Freundschaft, während das ganze Land nach dem vermeintlich entführten Mädchen sucht.

Review:

Man durfte gespannt sein auf das Spielfilmdebüt der französischen Designerin und bekennenden Cineastin Agnès Troublé alias Agnès B., das im Rahmen der 70. Filmfestspiele von Venedig seine Premiere feierte und als Teil des neu eingerichteten Web Theatre international zum Online-Streaming angeboten wurde. Bereits in der Vergangenheit betätigte sich Troublé des Öfteren als Gönnerin für diverse Filmfestivals und unterstütze talentierte Filmemacher. Gerade in diesem Jahr hatte sie ein glückliches Händchen, immerhin produzierte sie mit "Spring Breakers" einen der kontroversesten und besten Filme des Kinojahres 2013. Doch leider kann Troublé mit "Je m'appelle hmmm..." nicht unter Beweis stellen dass auch sie persönlich ein Talent für das Filmhandwerk besitzt.

Die Geschichte, die Troublé versucht zu erzählen ist keinesfalls neu, trägt leider auch nichts weltbewegendes zur Thematik bei und beinhaltet dabei nur wenige gesellschaftskritische Andeutungen. Es ist nicht einmal ein guter Film, der sich in altbekannten Handlungsbahnen bewegt. Vor allem verhalten sich die Akteure nicht selten auf unverständliche Weise. Beispielsweise als Peter das Mädchen in seinem LKW entdeckt. Mit keinem Wort fragt er nach dem wer?, was?, warum?, nein, er winkt sie nach vorne und macht ihr erstmal ein Brot und denkt scheinbar nicht einmal daran umzukehren um das Kind dorthin zurückzubringen, wo es hingehört. Mit dem beruflichen Zeitdruck eines LKW-Fahrers ist dies kaum erklärbar, immerhin hat er ausreichend Zeit, mit ihr allerlei Dinge zu unternehmen und das an öffentlichen Plätzen, wo überdies niemand das über alle Medien hinweg als vermisst gesuchte Mädchen erkennt. Mit der fadenscheinigen Erklärung, seine Familie sei tot und dass er das Mädchen womöglich deswegen “adoptiert” ist es auch nicht getan. Spätestens zum Ende entwickelt sich die Geschichte schlicht haarsträubend.

Letztlich bleiben die Figuren nur leere Hüllen, hier sind die Eltern, dort das Mädchen und der LKW-Fahrer, sonderlich viel Hintergrund bekommt keiner von ihnen und so etwas wie eine Entwicklung sucht man vergeblich. Jegliche Verhaltensänderung kommt abrupt aus dem Nichts und ist nicht ausreichend nachvollziehbar motiviert. Die leblosen Charaktere werden dabei von ihren Darstellern passend hölzern gespielt. Einerseits, wie im Falle der Newcomerin Lou-Lélia Demerliac mag das auf mangelndes Talent zurückzuführen sein, was man einer Sylvie Testud aber keinesfalls unterstellen mag oder kann. Dann ist es doch eher das Fehlen der führen Hand einer Regisseurin, die weiß, was genau sie von ihren Schauspielern will. Besonders deutlich wird dies in einer frühen Szene, in der die Eltern erstmals vom Verschwinden ihrer Tochter erfahren. Die Reaktion auf eine der unfassbarsten Nachrichten, die Eltern erhalten können, fällt geradezu stoisch aus. Das führt zum Schlimmsten für einen Film mit dieser Thematik: er lässt emotional gänzlich kalt.

Man sollte meinen, dass eine Designerin wenigstens ein Auge für die visuelle Seite des Films besitzt, doch auch hier enttäuscht "Je m'appelle hmmm..." auf ganzer Linie. Zwar versucht Troublé die über weite Strecken langweilige Optik durch den Einsatz diverser Stilmittel aufzuwerten, doch diese haben weder Hand noch Fuß und sind in keiner Weise sinnvoll eingesetzt. Ein Stilbruch zu schwarz/weiß für eine Szene in einem Café macht genauso wenig Sinn wie der Wechsel des Bildformats zu stark kontrastiertem 4:3, das an eine Super-8-Kamera erinnert. Für eine Weile scheint es, diese Passagen würden die Perspektive Célines zeigen, doch dann kommen sie scheinbar wahllos vor und ein Grund dafür ist nicht ersichtlich.

Als besonders störend muss die Musik Erwähnung finden, die anscheinend nur da ist, weil ein Film ohne Musik nunmal nicht kann und für die immer selbe Vivaldi-Musik oder Variationen davon entschied man sich wohl, weil man ja schließlich anspruchsvolles Arthouse-Kino produziert. Die Stimmung des Films oder emotionale Wirkung einzelner Szenen unterstützt die Musik jedenfalls schonmal nicht.

Nein, an Agnès B.s mit zwei Stunden deutlich zu lang geratenem Spielfilmdebüt kann man wahrlich kein gutes Wort lassen. Außer vielleicht, dass sie es durchaus gut gemeint und wirklich - womöglich gar zu sehr - versucht hat. Doch das hilft nichts, wenn man zwar jemand ist, der gerne Filme konsumiert, jedoch keine Ahnung davon hat, wie man einen guten Film macht. Frau Troublé sollte lieber wieder talentiertere Filmemacher unterstützen oder vor ihrem nächsten Regie-Projekt erst einmal eine Filmschule besuchen.

2/10