Filmofen

The East (2013)

10.07.2013

Inhalt:

Die ehemalige FBI-Agentin Sarah Moss (Brit Marling) macht nun Karriere im Privatsektor. Für das private Geheimdienstunternehmen Hiller Brood, dass sich einzig den Interessen seiner Großunternehmenskunden verpflichtet fühlt, geht sie undercover und infiltriert die anarchistische Untergrundgruppe die sich selbst "The East" nennt. Die Mitglieder der Gruppe planen Rache-"Aktionen" auf Unternehmen, die aus Profitgier kriminelle Handlungen zum Leidwesen der Allgemeinheit verübt und vertuscht haben. Doch je länger Sarah mit der Gruppe lebt, desto mehr sympathisiert sie mit den Mitgliedern und dem wofür sie kämpfen und sieht sich gezwungen, sich mit den moralischen Widersprüchen in ihrem Leben auseinanderzusetzen.

Review:

Brit Marling ist sicherlich eines der derzeit interessantesten jungen Talente in Hollywood. Als sie ihren Weg in die Filmindustrie suchte, bekam sie zunächst nur Rollen als typisches, hübsches Mordopfer in Horror-Filmen und ähnliche Rollen angeboten, sodass ihr schnell klar wurde: am besten schreibt man sich die Rollen selbst. Gesagt, getan und schon bald arbeitete sie an zwei Projekten gleichzeitig - "Sound of My Voice" und "Another Earth" -, die beide 2011 beim Sundance Film Festival Premiere feierten und jede Menge Aufsehen erregten. Mit Zal Batmanglij, dem Regisseur von "Sound of My Voice" hat sie sich nun erneut zusammengetan und den Spionagethriller "The East" gedreht, für den die beiden erneut beim Sundance Film Festival gefeiert wurden - und das völlig zu Recht.

Die Drehbuchautoren Marling und Batmanglij haben sich offensichtlich ausführlich mit dem zugrundeliegenden Thema des Öko-Terrorismus auseinandergesetzt, bevor sie es für einen spannenden Thriller ausgeschlachtet haben, durch den sich eine klare Linie der moralischen Ambiguität zieht und der konstant Fragen an das soziale Gewissen der Zuschauer stellt. Ähnlich wie der Protagonistin werden auch dem geneigten Betrachter die Vorhaben von "The East" in gewissem Maße sympathisch oder gar gerecht erscheinen. Wer würde nicht gerne einmal sehen, wie die Chefs eines Unternehmens, das aus Kostenminimierungsgründen

Umweltvorschriften umgeht und Gewässer verseucht, einfach mal in der vergifteten Siffe schwimmen? Oder das Verantwortliche eines Pharmaunternehmens, das gefährliche Nebenwirkungen eines Antibiotikums verschweigt, auch einmal eine Kostprobe ihrer Medizin abbekommen? Der Film erlaubt es, diese Fantasie zu erleben, gleichzeitig bittet er aber auch darum, sie zu hinterfragen. Ist "Auge um Auge" wirklich Gerechtigkeit? Heiligt der Zweck wirklich die Mittel? Auf diese Fragen gibt es keine leichten Antworten und man sollte auch nicht erwarten, sie von "The East" auf einem Silbertablett serviert zu bekommen.

Doch auch auf der dramatischen Seite hat der Film einiges zu bieten, was vor allem den gut geschriebenen Charakterisierungen der Figuren anzurechnen ist. Gerade eine Szene des Flaschendrehens, die in jedem anderen Film für Augenrollen sorgen würde, ist hier sehr geschickt gemacht und erlaubt einige interessante Einblicke in das Innenleben der Figuren. Es schadet natürlich auch nicht, dass sie ausgezeichnet besetzt sind, hervorzuheben sind vor allem Alexander Skarsgard als Jesus-ähnlicher Anführer der Gruppe und Ellen Page als die mitunter hitzige, gefühlsbetont handelnde Rachekämpferin, deren Anliegen vor allem ein ganz persönliches ist. Aber der Star des Films ist klar Marlings Figur Sarah, welche die größte Vielschichtigkeit besitzt und dank der vielen Rollen, die sie ihr Charakter im Film selbst noch zu spielen hat, schön undurchsichtig bleibt und man bis zum Ende im Dunkeln darüber bleibt, für welche Seite sie sich nun endgültig entscheiden wird.

Am Ende droht der Film fast zu entgleisen und besonders die nachgeschobenen Szenen während des Abspanns schaffen es beinahe, ihm den Todesstoß zu versetzen. Aber eben nur beinahe.
"The East" ist ein spannender, intelligenter und geschickt strukturierter Spionagethriller, der sein Ziel und vor allem seine Figuren niemals aus den Augen verliert und den Zuschauer nachhaltig zum Nachdenken anregt. Eine Qualität, die größere Produktionen heutzutage schmerzlich vermissen lassen.

8/10