Filmofen

The Grand Budapest Hotel (2014)

07.10.2014

Wes Anderson ist zurück und besser denn je. Sein neuer Film “The Grand Budapest Hotel” zeigt den besonders für seinen eigenwilligen visuellen Stil bekannten Autorenfilmer in Bestform. Nicht umsonst wurde die britisch-deutsche Koproduktion als Eröffnungsfilm der Berlinale 2014 ausgewählt. Den goldenen Bären gewann er letztendlich zwar nicht, dafür immerhin den großen Preis der Jury in Form des silbernen Bären. Aber auch beim Publikum erwies sich der Film als äußerst beliebt und stellt mit einem weltweiten Einspielergebnis von bislang über 170 Millionen Dollar an den Kinokassen weltweit mit Abstand den bis dato kommerziellen Spitzenreiter in Andersons Karriere dar. Ein äußerst berechtigter Erfolg.

Inspiriert von den Werken des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig spielt die Handlung in der fiktionalen osteuropäischen Republik Zubrowka, die unter Krieg, ständige welchsenden Regimes und der einhergehenden Armut sichtlich leidet. Ein namentlich nicht bekannter junge Autor (Jude Law) steigt auf der Suche nach Inspiration im Grand Budapest Hotel ab. Einst war es sicherlich ein luxuriöser Palast, doch inzwischen ist das Hotel recht heruntergekommen und Gäste sind rar. Eines Nachmittags lernt der Autor den ebenso wie sein Hotel in die Jahre gekommenen Besitzer Zero Moustafa (F. Murray Abraham) kennen. Bei einem langen Abendessen erläutert dieser dem jungen Autor die Umstände, wie er in den Besitz des Grand Budapest Hotel gekommen ist. Sprichwörtlich vom Tellerwäscher zum Millionär beginnt Zero seine Karriere als einfacher Lobbyjunge und wird am Ende als Eigentümer des Grand Budapest Hotel dastehen. Zeros Mentor Gustave (Ralph Fiennes) spielt dabei eine zentrale Rolle. Er ist der Concierge des Grand Budapest Hotel und bietet seinen Gästen einen unvergleichlich guten Service, auch in einsamen Stunden. Die plötzliche Ermordung der Madame D. (Tilda Swinton), einer regelmäßigen Besucherin des Grand Budapest Hotel und Freundin von Gustave, wird eine für alle Beteiligten schicksalshafte Kettenreaktion von Ereignissen auslösen und dem Zuschauer über gut eineinhalb Stunden hochgradig amüsante, kurzweilige Unterhaltung bieten.

Die verzwickte Handlung spielt sich in atemberaubenden Tempo verschachtelt in mehreren Zeitebenen ab. Zunächst besteht eine Rahmung durch ein Mädchen, das in den 1980er Jahren ein Denkmal für “den Autor” besucht. Dieser wiederum tritt, etwas weiter in der Vergangenheit, selbst auf und erzählt von den ihm zugetragenen Ereignissen, die er später in Buchform niederschrieb. Eine weitere Ebene stellt der Handlungsstrang des jungen Autors und des gealterten Zero in den 1960er Jahren dar. Am weitesten in der Vergangenheit liegt der Haupthandlungsstrang rund um Gustave und den jungen Zero in den 1930er Jahren. Damit der Zuschauer bei den Sprüngen durch diese Zeitebenen den Überblick nicht verliert, bedienen sich Anderson und Kameramann Robert Yeoman, ein Weggefährte Andersons der ersten Stunde, einem denkbar einfachen und gleichzeitig genialen Mittel: Das Bildformat wechselt abhängig von der Zeit in der sich die Handlung abspielt. Die rahmenden Szenen des Mädchens und des älteren Autors sind etwa im Format 1.85:1 gedreht, allerdings auf zusätzlich verkleinerter Fläche. Der Besuch des jungen Autors im Grand Budapest Hotel wurde im Widescreen-Format 2.35:1 inszeniert, während die Geschichte des jungen Zero und Gustave in 4:3 Format vorliegt. Zumindest im Fall der beiden großen Handlungsebenen wird die Zeit, in der sich das Geschehen abspielt, also durch das in den Filmen der jeweiligen Zeit vorherrschende Bildformat repräsentiert. Der Griff zu dieser stilistischen Eigenart wäre an sich nicht zwingend notwendig gewesen um der Handlung folgen zu können. Doch gibt er den einzelnen Handlungssträngen eine distinktiv eigene Atmosphäre und erzeugt eine Nostalgie, der man sich als Zuschauer nicht leicht entziehen kann.

Die unverkennbare Handschrift Wes Andersons ist zu jeder Sekunde des Filmes in unzähligen Details deutlich erkennbar. Wer mit dem bisherigen Kanon des Filmemachers bekannt ist, wird sich sogleich zurecht finden in der ganz eigenen, künstlichen und hochgradig stilisierten Welt des Wes Anderson. Sie zeichnet sich aus durch eine unnachahmlich, wilde Farbpalette mit dem pinken Grand Budapest Hotel im Zentrum, immer wieder auftretende zweidimensional anmutende Sets, selten und wenn, dann äußerst präzise bewegte, meist frontale Kameraführung und ganz besonders eine Flut an exzentrischen, teils bis ins Absurde überspitzten Figuren.

Die Darsteller, die diese Figuren verkörpern, gehören größtenteils bereits zu Andersons Stammpersonal und allesamt zu Hollywoods A- List. Das spricht Bände für den Status des Filmemachers, wenn man bedenkt, mit welch kleinen Rollen sich die namhaften Schauspieler hier teils zufrieden geben. Jude Law verkörpert den jungen Autor als guten Zuhörer mit für ihn ungewöhnlicher Zurückhaltung. F. Murray Abraham besitzt bereits von Natur aus das Gesicht eines Mannes, der von der Zeit gezeichnet wurde und kann sich in der Darstellung des alten Zero voll und ganz darauf stützen. Adrien Brody mimt einen herrlich überzogenen und vor allen Dingen verzogenen Sohn der wohlhabenden Madame D., dem jedes Mitte recht ist, sein Erbe zu sichern. Dessen skrupelloser Scherge Jopling wird von Willem Dafoe personifiziert, ein weiteres Gesicht, das für seine diabolische Rolle wie geschaffen ist. Tilda Swinton hat man um mindestens das Doppelte altern lassen, sie ist kaum zu erkennen unter der dafür nötigen Menge an Gesichtsmodifizierungen. Eine Meisterleistung der Maskenabteilung, die es ihr ermöglicht, dass man ihr die steinalte Dame gerne abkauft. Neuzugang Saoirse Ronan spielt die liebliche und gleichzeitig resolute Agatha mit großem Einfühlungsvermögen und innerer Stärke. Sie ist die treue Weggefährtin von Zero, welcher vom selbstbewussten Newcomer Tony Revolori gespielt wird, der sich von den namhaften Kollegen zu Recht nicht einschüchtern lässt. Als größter Glücksgriff entpuppt sich jedoch Ralph Fiennes, der nicht nur sein großes schauspielerisches Können, sondern auch sein bislang unterschätztes komödiantisches Talent eindrucksvoll zur Schau stellen darf. Nie zuvor hat man eine Figur gesehen, die so unverhohlen flucht und gleichzeitig noch als perfekter Gentleman dasteht. In kleinen Rollen sind außerdem Tom Wilkinson, Owen Wilson, Léa Seydoux, Jason Schwartzman, Edward Norton, Bill Murray, Harvey Keitel, Jeff Goldblum und Mathieu Amalric mit von der Partie. Mit dieser Darstellerriege könnte man gleich eine Handvoll Hollywoodblockbuster besetzen.

Sein Ensemble hat Anderson fest im Griff und vermag es, die Vielzahl von Figuren mit der für ihn typischen Genauigkeit zu führen. Jede Bewegung, jede Nuance eines Gesichtsausdrucks scheint von seiner sicheren Hand vorgegeben zu sein. Nichts bleibt hier dem Zufall überlassen und spielt sich mit der Präzision eines schweizer Uhrwerkes ab. Timing ist alles in der Komödie und selten konnte man in letzter Zeit eine bewundern, die dieses Kriterium mit einer solchen Perfektion erfüllen konnte. Man könnte gar soweit gehen, diesen Film zur besten Komödie seit Ernst Lubitschs “Sein oder Nichtsein” zu erheben.

Nach inzwischen drei Oscar-Nominierungen für Wes Anderson in der Kategorie Bestes Drehbuch dürfte sich “The Grand Budapest Hotel” auch bei der nächsten Verleihung unter den Nominierten befinden. Es wäre Anderson zu wünschen, dass es dieses Mal für eine längst überfällige Trophäe reicht. Verdient hätte er sie allemal.

9/10