Filmofen

The Grandmaster (Yī dài zōng shī / 一代宗师) (2013)

19.06.2013

Inhalt:

"The Grandmaster" basiert auf dem Leben des legendären Wing Chun Meisters Ip Man, der später der Lehrmeister von Bruce Lee werden würde. Die Handlung folgt Ip Man von den Konflikten mit anderen Martial Arts Schulen in den 1930ern im südchinesischen Foshan über seine Flucht nach Hong Kong wegen des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs bis zu seinem Tod 1972.

Review:

Wenn Wong Kar-Wai, der wohl größte Auteur des kontemporären Hong Kong Kinos, einen Film macht, dann braucht das Zeit. Über 10 Jahre trug er die Idee für sein Leidenschaftsprojekt "The Grandmaster" mit sich herum bis der Film endlich in Produktion gehen konnte, die weitere fünf Jahre in Anspruch nahm. Mehrmals musste die Premiere verschoben werden, bis der perfektionistische Regisseur mit seinem Werk zufrieden war. Über vier Stunden lang soll die erste Fassung gewesen sein, auf etwa die Hälfte reduzierte er den Film bis zum Kinostart. Zwischenzeitlich erschienen mehrere Filme über den Großmeister Ip Man ("Ip Man" und "Ip Man 2" von Wilson Yip mit Donnie Yen in der Hauptrolle und "Ip Man Zero" von Herman Yau mit Yu-Hang To), doch Wongs Arthouse-Streifen "The Grandmaster" triumphiert eindeutig als bis dato bester Film über den legendären Martial Arts Lehrer und seine Kampfkunst.

Es gehörte schon immer zu den größten Stärken Wong Kar-Wais, Geschichten auf eine besondere und ganz eigene Weise zu erzählen. Der Filmemacher ist berühmt dafür, nicht mit ausgefeilten Drehbüchern zu arbeiten, sondern nur groben Skizzen und die genauen Szenen erst im Verlauf der Dreharbeiten zu entwickeln. Im Falle von "The Grandmaster" wird ihm dies ein wenig zum Verhängnis, denn der Film sollte eigentlich eine biographische Geschichte erzählen, gibt seiner Hauptfigur aber zu wenig Tiefe und Motivation, in der zweiten Hälfte des Filmes noch dazu viel zu wenig Präsenz. Dann nämlich, als Gong Er (Zhang Ziyi) in den Vordergrund tritt. Hier verliert er ein wenig den Fokus. In Anbetracht der offenbar arg der Schere zum Opfer gefallenen Nebenfiguren des Razor (Chang Chen), dessen tiefere Bindung mit Gong Er nur angedeutet wird und der ansonsten vor allem dafür da ist, in der wohl besten Sequenz des Filmes mitzuwirken und der Frau Ip Mans (Song Hye-Kyo), von deren Rolle lediglich eine Dialogzeile im fertigen Film übrig blieb, wäre es wünschenswert, wenn Wong irgendwann noch eine längere Fassung des Grandmaster veröffentlichen würde. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, an seinem anderen Martial Arts Film "Ashes of Time" werkelte er noch lange herum, bis er ganze 14 Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung seine finale und grundlegend andere Fassung unter dem Titel "Ashes of Time: Redux" veröffentlichte.

Doch die erzählerischen Schwächen sind ein kleinerer Kritikpunkt als es zunächst den Anschein haben mag. Letztendlich ist "The Grandmaster" weder ein Biopic noch ein Actionfilm, sondern ein Kunstfilm, der die Schönheit und Philosophie der Kampfkunst feiert. Die Biographie Ip Mans ist in seinem Heimatland hinreichend bekannt, sodass es völlig ausreichend ist, dass Wong Kar-Wai lediglich Momentaufnahmen seiner Biographie zeigt und die wichtigsten Eckpunkte nur anreißt um sich dann seinen Begegnungen mit verschiedensten Kämpfern und Stilen zu widmen und in vollen Zügen dem Ergründen der Schönheit, der Prinzipien und der Philosophie der Kampfkunst hinzugeben. Was nicht heißen soll, dass er den historischen Kontext und das größere Ganze völlig vernachlässigen würde, da gibt es einiges zu entdecken, wenn auch nur angedeutet.

Viel Recherche betrieb Wong Kar-Wai um die Kämpfe möglichst authentisch zu machen und die unterschiedlichen Stile angemessen darzustellen, während Hauptdarsteller Tony Leung vier Stunden täglich für die Rolle trainierte. Das Ergebnis spiegelt diesen gewaltigen Aufwand wieder. Choreographiert wurden sie vom legendären Yuen Wong-Ping, der im Westen vor allem für seine Mitwirkung an der "Matrix"-Trilogie bekannt ist. Anders als bei diesen Filmen sind die Kämpfe hier weniger Actionszenen als hochstilisierte, elegante Bewegungsstudien, die in atemberaubenden, detailverliebten Bildern und zahlreichen Tempi-Wechseln zwischen verschiedenen Graden der Slow-Motion und zwischen Weitwinkeln und Ultranahaufnahmen auf die Leinwand gebannt sind. Kein Wunder, dass die Fertigstellung des Filmes so lang dauerte, wenn das Ergebnis mit derartig wunderbaren, geradezu poetisch anmutenden Sequenzen aufwarten kann.

"The Grandmaster" ist zwar bei weitem nicht Wong Kar-Wais bester Film und schon gar kein Meisterwerk, aber trotz seiner narrativen Schwächen stellt er einen ganz außergewöhnlichen Film dar, ein Kunstwerk, das die Schönheit und Philosophie der verschiedensten Kampfkunststile gebührend feiert und allein schon wegen seiner unvergleichlichen, atemberaubenden Ästhetik auf der großen Leinwand gesehen werden sollte.

8/10