Filmofen

The Purge - Die Säuberung (The Purge) (2013)

16.10.2013

Inhalt:

In der nicht allzu fernen Zukunft beschließen die USA ein Gesetz, dass in einer bestimmten Nacht des Jahres für 12 Stunden sämtliche Verbrechen für legal erklärt, nicht einmal Mord ist davon nicht ausgenommen. James Sandin (Ethan Hawke) ist selbst Befürworter der sogenannten “Säuberung”, auch wenn er sich nicht unbedingt aktiv daran beteiligt. Er verdient sich lieber eine goldene Nase an ihr, indem er denjenigen, die es sich leisten können, aufwendige Sicherheitssysteme verkauft, die ihr Domizil zu einer uneinnehmbaren Festung machen sollen. Doch Sandins Systeme werden auf eine harte Probe gestellt, als sein Sohn einem Obdachlosen im Haus Unterschlupf bietet. Auf den hat es eine Gruppe überzeugter Säuberer abgesehen, die es für ihre patriotische Pflicht halten, diesen Abschaum der Gesellschaft zu beseitigen.

Review:

“The Purge - Die Säuberung” hat schon einmal einen großen Vorteil gegenüber dem Einheitsbrei, dem man viele andere Horrorfilmen zuordnen könnte: Er hat eine Grundidee, die es so noch nicht gegeben hat und die sich einerseits sehr gut für einen Horrorthriller eignet, andererseits aber auch die Möglichkeit zu etwas angebrachter Gesellschaftskritik in sich trägt. Würde ein derartiges Konzept in der Realität funktionieren? Vermutlich nicht. Könnte es irgendwann einmal zu einem derartigen Versuch kommen? In Zeiten, in denen Regierungen echte Bestrebungen Richtung “Minority Report”-ähnlichen Verbrechensvorhersagesystemen unternehmen ist auch so etwas wie die Säuberung vielleicht nicht mehr ganz ausgeschlossen und ein erschreckender Gedanke, eine verstörende Dystopie. Man sollte hoffen, dass es nie soweit kommen wird, denn heutige Justizsysteme bieten schließlich bessere Lösungen als die rohe Gewalt, wenn man einmal von der Todesstrafe absieht, die es noch immer in viel zu vielen Ländern gibt.

Doch die Säuberung wird im Film nicht nur dazu benutzt, in Selbstjustiz die George Zimmermans der Gesellschaft zur Strecke zu bringen, die dem sonst herrschenden Justizsystem durch die Lappen gegangen sind. Nein, es wird darüber hinaus auch dazu benutzt, um ganz gezielt die schlechter gestellten Gesellschaftsmitglieder, die chronisch Kranken, Arbeitslosen etc. zu beseitigen, die der Allgemeinheit nicht nützen und nur das System belasten. Das ist ein hartes und teils gar überzeugend argumentiertes Statement, das man erst einmal verdauen muss.

Diese hervorragende Grundidee mag aus dem Drang heraus entstanden sein, irgendwie die Polizei aus dem Weg zu bekommen, die für einen “Home Invasion”-Thriller immer ein Problem darstellt, doch daraus entwickelte sich ein faszinierendes Konzept, das für “The Purge” zu einem Alleinstellungsmerkmal wird, letzen Endes dann aber leider nicht vollends ausgenutzt wird. Die Ansatzpunkte für Gesellschaftskritik sind vielseitig und werden mehr oder weniger erfolgreich zumindest angerissen. Die Kritik an der sich immer weiter spreizenden Schere zwischen Arm und Reich beispielsweise, den 99% gegenüber den 1%, wird schnell offensichtlich. Hier diejenigen, die sich keinen teuren Schutz leisten können und sicher häufig aus nicht besonders triftigen Gründen und Willkür Opfer von Gewalt werden, dort die Vermögenden, die sich in ihren Festungen verbarrikadieren und so dem ganzen Treiben entgehen, auch wenn sie selbst nicht immer Unschuldsengel sind.

Ein weiterer Punkt, der auf die Spitze getrieben und dann äußerst plakativ präsentiert wird, ist natürlich nicht nur die Besessenheit von Reichtum, sondern auch von Brutalität in (Unterhaltungs-)Medien, die stetig zunimmt. Das alles wird teils gut, teils etwas unbeholfen und in jedem Fall auf kräftig überzogene Weise dargestellt. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass vieles unterentwickelt geblieben ist und vorhandenes Potenzial nicht vollständig ausgeschöpft wurde.

Was Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco dagegen ganz hervorragend gelingt, ist, die vermeintlich felsenfest stehenden Moralvorstellungen des Zuschauers auf eine harte Probe zu stellen. Denn der Zuschauer ist der einzige, der mit seinen hoffentlich vorhandenen Moralvorstellungen dem absolut als legitimiert dargestellten Treiben auf der Leinwand entgegensteht. Der Staat hat die Säuberung gebilligt, dass es Opposition dagegen gibt, wird nur in kurz eingeschnittenen Fernsehbeiträgen erkennbar und selbst die Sandin-Familie zweifelt nicht an ihrer Rechtmäßigkeit, nicht einmal als es ihr eigenes Leben bedroht. Gut möglich, dass der Film auch über den Abspann hinaus noch beschäftigt.

Im Kern jedoch ist “The Purge” ein klassischer “Home Invasion”-Thriller, der nicht umhin kommt, sich diverser Genre-Klischees zu bedienen und es sich auch nicht verkneifen kann, letztlich in einer brutalen Blutorgie zu enden, obgleich das Ende immerhin nicht in den vermeintlich vorhersehbaren Bahnen verläuft. Unabhängig vom Wiedererkennungswert verschiedener Aspekte aus anderen Filmen ist das Geschehen aber ziemlich spannend und James DeMonaco inszeniert seinen klaustrophobischen Thriller äußerst effektiv. Dazu tragen auch die guten Darsteller bei, Ethan Hawke und Lena Headey sind in dem Genre ja bereits erfahren, werden jedoch von dem großartig diabolischen und gleichzeitig doch elitär-höflichen Rhys Wakefield gnadenlos an die Wand gespielt.

Nicht alles funktioniert in diesem Spagat zwischen Horror und pechschwarzer Gesellschaftssatire und es handelt sich hier um einen der seltenen Horrorfilme, die gerne noch ein paar Minuten mehr Laufzeit hätten vertragen können, im diesem Fall besonders im etwas gehetzten ersten Drittel. Aber vielleicht schafft es ja die für 2014 angekündigte Fortsetzung, einige Dinge noch besser zu machen und die Grauzonen der Moral weiter zu ergründen. Einen Blick ist “The Purge” aber dennoch nicht nur für Horrorfans definitiv wert.

Blu-ray

“The Purge” erscheint in Deutschland von Universal Pictures Home Entertainment. Das AVC-codierte Bild stellt eine gelungene Repräsentation des Filmes dar, mit kräftigen Schwarzwerten, die dennoch die Details nicht schlucken. Das Bild ist meistens trotz der dunklen Lichtverhältnisse erstaunlich klar und ohne Körnung. Der Ton liegt im englischen Original in DTS-HD Master Audio 5.1 vor, in deutsch und weiteren Sprachen “nur” in DTS 5.1., der Raumklang ist aber in allen Fällen hervorragend und trägt viel zur wirksamen Atmosphäre bei. Die Blu-ray sollte in jedem Fall einen deutlichen Mehrwert gegenüber der DVD darstellen. Als Bonusmaterial gibt es lediglich ein weitgehend uninteressantes Making-Of mit nur 9 Minuten Laufzeit. Zumindest die Erstauflage ist mit einem Wendecover ohne FSK-Flatschen ausgestattet.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Universal Pictures Home Entertainment zur Verfügung gestellt.

“The Purge” ist ab 17.10.13 auf Blu-ray und DVD erhältlich.

7/10